EVA BERTSCHINGER
EVA STÜRMLIN

«Die Vermessung eines Granatapfels», 1. bis 23. März 2019

    Eröffnung Freitag, 1. März 2019, ab 18 Uhr
    Finissage Samstag, 23. März 2019, 13–16 Uhr

    Neue Öffnungszeiten ab 2019:

    Do / Fr
    Sa
    14–18 Uhr
    13–16 Uhr
    oder nach Vereinbarung

    Die Künstlerinnen sind an der Eröffnung und an der Finissage anwesend.

     

    Leicht macht sie es einem nicht, diese Frucht. Ihre Schale ist sehr hart aber überaus schön und vielfältig gefärbt. Häufig werden sie nur noch zu dekorativen Zwecken verwendet. Will man sie doch essen, braucht es einiges an Kraft um an ihr Inneres zu kommen. Hat man das dann einmal geschafft, benötigt es wiederum viel Geduld, die Kerne einzeln aus ihrem weissen Bett zu schälen. Geschmacklich erfüllen diese die Verheissungen des schönen Äusseren dann aber eher nicht. Eine (Ent)-Täuschung also. Geht es doch nur um die Hülle? Diese Frucht soll also vermessen werden. Aber was genau kann da vermessen werden und – vor allem – zu welchem Zweck?

    Vielleicht suchen wir aber zu weit und der Titel ist bloss eine poetische Finte um auf die Vermessenheit hinzuweisen, alles messen zu wollen.
    Man könnte dieses Gedankenspiel noch eine ganze Weile weiter und ad absurdum treiben, was vielleicht die Intention der beiden Künstlerinnen ist, aber wenden wir uns doch besser ihren Arbeiten zu. Vielleicht löst sich das Geheimnis des Titels ja im Laufe des Ausstellungsrundgangs.


    Eva Stürmlin
    Wer die Malerin Eva Stürmlin kennt, weiss, dass sie es sich nicht leicht macht mit ihren Bildfindungen. Dass sie sich nur sehr schwer zufrieden gibt mit dem Erreichten und so überrascht das Leicht­füssige, geradezu Ephemere der hier gezeigten Arbeiten.

    Sechs grossformatige Malereien sehen wir, wenn wir die Galerie betreten. Die flüchtig aufge­tragene Grundierung überdeckt den groben bräunlichen Karton, der kaum für künstlerische Zwecke produziert wurde, und bereitet ihn so vor für ebenso flüchtig aufgetragene Notate. Als Entwürfe für Bühnenbilder könnte man sie lesen. Oder sind es Choreografien für ein Ballet tanzender Zirkel?

    Oft reflektiert Stürmlin die Arbeit anderer KünstlerInnen. Eine Ausstellung von William Kentridge im Haus Konstruktiv vor einigen Jahren muss ein Schlüsselerlebnis gewesen sein. Kentridge verarbeitet in seinen gross angelegten Projekten (die auch Theater, Literatur, Film und Musik mit einschliessen) seinerseits vielerlei kulturgeschichtliche Bezüge, wie dann zumal eine Oper von Schostakowitsch («Die Nase» nach einer Erzählung von Gogol) und die Zeit der Russischen Avantgarde.

    Dass das Referenzieren sichtbar bleibt, wie in «Set# 5–10», wo Musik und Tanz sich zur Malerei gesellt, stört Eva Stürmlin nicht. In anderen Werkgruppen, wie «Trouvé» im Kabinett oder «Su-Mei» im Untergeschoss, erinnern nur noch die Titel an die beiden Künstlerinnen, auf die sie sich bezieht (Tatiana Trouvé und Su-Mei Tse). Mit «Appropriation Art» hat diese Arbeitsweise jedoch nichts zu tun. Es ist die Vorgehensweise einer Künstlerin, die den Werken anderer Respekt zollt und alles, was sie sieht, in ihrer Arbeit reflektiert, um Neues daraus entstehen zu lassen.

    Eva Bertschinger
    In ihrem ganzen Wesen ephemer angelegt ist die Kunst von Eva Bertschinger. Erstaunlich leicht und handlich sind die Materialien der Plastikerin. Aus vielerlei Fundstücken (Schwemmgut nennt sie es), aus Schnüren und anderem, entstehen ihre Werke immer an Ort und Stelle neu. Alles fügt sich situativ zusammen, immer Bezug nehmend auf die vorgefunde Raumsituation.

    Sechs parallel gespannte Schnüre bilden ein unregelmässiges Pentagramm an der Wand rechts beim Eingang. Vier Ecken definieren einen dynamischen fiktiven Raum. Bei der untersten Ecke ist aber ganz abrupt alle Kraft aus den Schnüren gewichen. Schlaff, wie von einer starken Kraft angezogen, hängen sie herab und öffnen das Gebilde. Man fühlt sich förmlich hineingezogen in diesen Kral. Aber Vorsicht scheint geboten. Die am Boden liegenden Schnüre könnten sich als Stolperdrähte erweisen oder sich wieder schliessen, womit man dann gefangen wäre in dieser imaginären Umzäunung.

    Wo andere mit viel Material hantieren, schafft es die Künstlerin mit sparsamsten Mitteln frappante räumliche Wirkungen zu erzielen. «Masslose Orte» nennt Bertschinger diese und vier weitere Installationen, denen wir noch begegnen werden und die uns auf ähnliche Weise herausfordern. So auch «Zeitlauf», wo nicht die drei gedrehten Metallstäbe das Senkblei zu halten scheinen, sondern umgekehrt diese von ihm getragen werden.

    Solch feine Wahrnehmungsverschiebungen erleben wir ebenso in den 12 zarten Farbstiftzeichnungen «Dschungelliebe» im Kabinett, wo die Künstlerin Ausschnitte aus Katasterplänen so lange rotieren lässt, bis diese buchstäblich abheben wie wunderliche Flugobjekte oder Insekten, die es noch zu entdecken gilt.


    Wir können uns also ganz unbeschwert treiben lassen durch diese wunderbar leichte Ausstellung und kommen nie auf den Gedanken etwas vermessen zu wollen – und das bringt uns zurück zum Granatapfel, dessen Geheimnis nicht gelüftet wurde – was ganz im Sinn der beiden Künstlerinnen ist.

    Michael Nitsch, Februar 2019