CORINNE GÜDEMANN
VERENA THÜRKAUF
REGULA WEBER

«DRAWING Part 5», 6. bis 29. Juni 2019

    Eröffnung Donnerstag, 6. Juni 2019, ab 18 Uhr
    ACHTUNG: Die Eröffnung findet ausnahmsweise am Donnerstag und nicht am Freitag statt.
    Finissage Samstag, 29. Juni 2019, 13–16 Uhr

    Öffnungszeiten:

    Do / Fr
    Sa
    14–18 Uhr
    13–16 Uhr
    oder nach Vereinbarung

     

    Monumentale sechs Quadratmeter misst die eine, nur gerade 0,05 Quadratmeter sechs andere Arbeiten. Sie stammen alle von derselben Künstlerin, die zumindest bezüglich Grösse, die Dimensionen absteckt in dieser Ausstellung, die von grossen Formaten geprägt wird. So unterschiedlich die Formate, so vielfältig sind auch die Ausdrucksmittel der drei Künstlerinnen, die sich zusammenfinden in der fünften Folge der «DRAWING»-Reihe im LOKAL 14. Für Überraschung ist also gesorgt.


    «Rencontres»
    Nur die Beine fehlen auf dem lebensgrossen Selbstporträt von Corinne Güdemann dem wir im Obergeschoss begegnen. Bekleidet nur mit Unterwäsche, zeigt sich die Künstlerin ohne Scham den BetrachterInnen. Mit leicht abgewandtem Kopf und strengem Blick fixiert sie uns und hält uns auf Distanz. Die Staffelei, an der sie steht, ist nur angedeutet.

    Selbstbespiegelungen dieser Art gehören seit vielen Jahren zum Werk von Corinne Güdemann. So porträtiert sie sich seit vielen Jahren zwei- bis dreimal jährlich selbst und steht damit in einer langen Tradition in der Kunstgeschichte. Allerdings bezieht sie sich weniger auf männliche als auf weibliche Vorbilder, wie zum Beispiel Maria Lassnig oder Alice Neel, die sich ebenso ungeschönt abgebildet haben. Ihre Antwort auf die Frage nach den häufigen Selbstbildnissen ist lapidar: «Es ist das Sujet, das ich immer zu Verfügung habe. Ich brauche nur einen Spiegel».

    «Alte Meisterin» nennt die Künstlerin selbstbewusst und nicht ohne feine Ironie ihr Werk, welches in altmeisterlicher Technik, mit Farbstiften auf farbigem Papier ausgeführt ist. In dieser Manier nimmt sich Güdemann auch Bildnissen alter Meister an. Hier ist das Papier fast immer schwarz. Die Figuren treten schemenhaft aus dem Dunkeln heraus. Jahrhundertelang war es Usus, alte Meister möglichst exakt zu kopieren, doch darum geht es ihr nicht. Zu flüchtig sind gewisse Bildpartien, vor allem die Hintergründe, gearbeitet. Vieles bleibt ganz offen, also schwarz. Es sind ihre ganz persönlichen Begegnungen mit Figuren der Kunstgeschichte. «Rencontres» auf Augenhöhe also. Und so werden sie hier auch gezeigt – auf Augenhöhe.

    Im Untergeschoss sind die Blickwinkel verschoben. In den Museumssituationen drängen sich viele BetrachterInnen zwischen sie und die Bilder. Es sind Protokolle vermeintlicher Andacht, wenn grosse Namen die Massen in die Museen locken – und nebenan die Galerien leer blieben. Die Künstlerin nimmt Distanz.

    Unbeirrt von Modeströmungen entwickelt Corinne Güdemann seit Jahren ihr eigenständiges und unverwechselbares Werk.

    Eingefangene Flüchtigkeiten
    Riesige schwarze Kleckse nehmen fast die gesamte Höhe des Raumes ein. Was eigentlich nur vertikal funktionieren kann, nämlich von oben nach unten, ist hier in die Horizontale gekippt. Die Schwerkraft ist ausser Kraft gesetzt. Alle grossen und kleinen Spritzer sind mit Gläsern abgedeckt. Sie sind ganz leicht geneigt. Das Bild darunter wird so ins Räumliche gesetzt. Das Spiegelbild der BetrachterIn verzerrt und verschoben. Man wird unweigerlich Teil dieser Rauminstallation: gespiegelt, eingefangen, zurückgeworfen, sucht man sein eigenes fragmentiertes Bild darin.

    Um Wahrnehmungsverschiebungen geht es immer wieder in der Kunst von Verena Thürkauf. So auch in der Serie «Meetings». Was aussieht wie fotografierte Museumssituationen, entpuppt sich als ein raffiniertes Spiel mit «Trompe-l’œil»-Effekten. Die scheinbar raumfüllenden, wuchtig hingeworfenen Gesten, messen in Tat und Wahrheit nur DIN A5. Gross erscheinen sie erst im Kontext zu den winzigen Figürchen, zu denen sie in fingierte Räume gehängt und dann fotografiert wurden. Die täuschend realistisch aussehenen Figurengruppen stehen seltsam nahe bei den Bildern. Viel zu nah, um diese in ihrer Ganzheit erfassen zu können und gewiss näher, als jede Museumsaufsicht erlauben würde...

    Vernöstliches klingt in der Werkserie «Über das Verfliessen von Sprache» im Untergeschoss an. Zarte, kalligrafisch anmutende Liniengeflechte überziehen die Papiere. Entstanden sind diese Formen durch vielfältiges Drehen von Papieren, was die Farbe darauf zum Fliessen brachte. Anschliessend bannte die Künstlerin diese Flüchtigkeiten indem sie sie mit feinen horizontalen Linien oder Punkten, (wie in der kleinformatigen Serie «meta_mini») auf neue Blätter übertrug. Ob die zerfliessenden Buchstaben zusammenhängende Texte ergeben, soll jede und jeder für sich selber erforschen. Ein Hauch von Zen durchweht diese Zeichnungen, die wirken wie materialsierte, abstrakte Haiku-Gedichte.

    In Zwischenwelten
    Wer die Arbeit von Regula Weber kennt, weiss, dass sie eine Meisterin des kleinen Formats ist und so erstaunen die grossen Formate, die sie hier zeigt.

    Es ist tatsächlich gross, das Fenster, das sich über dem Bücherregal öffnet. Die Szenerie ist verschwommen, vermutlich verzerrt von einer halbtransparenten Wabenplatte, wie sie auf Baustellen verwendet werden, um diese temporär abzugrenzen. Mehr erahnt man, was sich dahinter verbirgt, als dass Reales erkennbar wird.

    Es ist dieses Schweben in halbabstrakten Zwischenwelten, welches in vielen Arbeiten von Regula Weber eine wichtige Rolle spielt und das ihre Kunst so geheimnisvoll macht. Hat sich ein Bild aber einmal verfestigt in unserem Kopf, werden wir es so schnell nicht wieder los. Also stemmen wir uns dagegen, wollen das Geheimnis nicht zu schnell enträtseln.

    Regula Weber reflektiert in ihrer Kunst alltägliche, unspektakuläre Situationen ihrer Erlebniswelt, oder sie bezieht Inspiration aus der Welt der Botanik. Mit stark verdünnter Ölfarbe (es ist keine Tusche, wie vermutet) überträgt sie ihre Eindrücke auf Papier. Monochrom sind diese Pinselzeichnungen und werden doch in unserer Imagination vielfach farbig.

    Fünf Meter hoch ist das Rollbild, das paradoxerweise im kleinsten Raum der Galerie hängt. Nicht das ganze Bild kann also gezeigt werden. Der untere Teil davon rollt sich partiell in der Horizontalen ab. Auch sie selber hat es nie vollständig gesehen, als sie daran arbeitete. Immer wieder musste sie den hinteren Teil davon einrollen, als würde sie an einer unendlichen Geschichte weben. Wie ein Insekt taucht man ein in diese rätselhafte Pflanzenwelt mit den vielen weissen Flecken und weiss nicht so recht, wo man sich hinsetzen soll. Ob diese Zeichnung, scheinbar ohne Anfang und Ende, abgeschlossen ist, bleibt offen. Schön wäre es, wenn sie nie enden würde.

    Michael Nitsch, Juni 2019