AGNÈS WYLER

«The Presence of the Absence», 25. August – 22. September 2016

Eröffnung Donnerstag, 25. August 2016, 17.00–20.00 Uhr
Einführung: Guido Magnaguagno, 18.30 Uhr
Finissage Donnerstag, 22. September 2016, 17.00–20.00 Uhr

Öffnungszeiten während der Ausstellung

Di / Mi / Do
 
14.00–18.00 Uhr
oder nach Vereinbarung

Die Künstlerin ist am 25. August und am 22. September anwesend.

 

The Presence of the Absence – also das Abwesende. Und seine Gegenwart. Was wohl die Zeichnungen und Skulpturen dieser Ausstellung sind – aber vielleicht ebenso oder noch mehr: was gar nicht da ist. Da sind Werkgruppen der letzten beiden Jahre zusammen mit einer Art Vorspann, vier Blätter aus der Werkgruppe «Street» von 2011. Eine knappe Auswahl von Arbeiten einer Künstlerin, deren stilis­tische Bandbreite fast uferlos ist, sich inhaltlich aber um ein zentrales Thema scharen.

Beginnen wir mit den grossen Bildtafeln im ersten Raum, was wir weder Malerei nennen mögen noch Zeichnung, trotz Bleistift und Tusche. Sagen wir Leinwände, weisses Leinen und viel leerer Bildraum, zentral aufrecht stehende farbige Fische mit offenen Augen, schlaflos. Durch ihre Vertikalität behaupten sie etwas Statuarisches, sehr im Gegensatz zu ihren Gesellen: Masken, andere Tiere, Vögel vor allem. Beziehungsängste, jedenfalls Unsicherheiten, Gefahren. «Do Not Swallow» ist als Gebrauchsanweisung unschwer auch eine Warnung an den Betrachter. Hier kann Gift lauern. In diesem Schwebe­zustand aber entlassen uns diese vier Bilder ins Ungewisse. Ins Abwesende.

Um die Ecke empfängt uns eine Reihe weiss gesockelter Kleinskulpturen, von oben zu besich­tigen und zu enträtseln, aufgestellt zu einer fragilen, absturzgefährdeten «Bridge», weil zum Teil auch die Absätze ziemlich übervölkert sind. In der Mitte und also zuoberst thront allein der «Ubu Roi», Alfred
Jarrys Kunstfigur. Der Vorläufer, oder besser, Vorspringer des Dadaismus dirigiert ein lustiges Bestiarium aus mit Sumpfkalk gebranntem Ton. Der Schalk ist flüchtig, er verzieht sich in das Fluidum des Absurden.

Auf «Street I–IV», diesem Vorspann, erwarten wir schon keine Erklärungen mehr. Auf diesen in der Bildfläche ausgebreiteten abstrakten und farbigen Mustern und Strukturen geht niemand. Strassen ins Nichts – Strassen im Nichts. Das Abwesende spricht, die Leere erzählt von einer Leere, die beschwingt ist und leicht und kindlich. Spielplätze, «terrains vagues».

Gegenüber eine erste Serie von Zeichnungen, was wir von der Künstlerin zu kennen meinen, Bildgeschichten wie «bandes dessinées», aber ohne Erzählstrom. Linear und lapidar. «Hell & Paradise», oben und unten, fröhlich und tragisch, ganz innen und ganz aussen und umgekehrt, ein Spiel, ein Vexierspiel als Ganzes. So zeichnet Agnès Wyler ihr Wunderland.

Abstieg in die Unterwelt, ins Spiegelkabinett. Masken von vorn und von hinten. Das Sichtbare und dessen Geisterscheinung. Falls die Bodenlosigkeit noch einen Namen braucht – hier ist er. «My Name
is Nobody». Die Identität der Person hat sich aufgelöst in die vielen Gesichter und Geschichten, die nicht mehr behaftbar, greifbar sind. «Je est un autre», weiss die Literatin-Zeichnerin von Arthur Rimbaud.
Ihre drei Zeichnungsserien sind «Inter-dits». Die Zwischenräume raunen: es ist etwas leer geworden auf dieser Welt, seit wir keine Kinder mehr sind.

Guido Magnaguagno, August 2016