TITUS EICHENBERGER
DENISE KOBLER
DORIS VON STOKAR

«DRAWING Part 3», 10. März bis 8. April 2017

 

Eröffnung Freitag, 10. März 2017, 17.00–20.00 Uhr
Finissage Samstag, 8. April 2017, 13.00–16.00 Uhr

Öffnungszeiten während der Ausstellung

Di / Mi / Do
Sa
14.00–18.00 Uhr
13.00–16.00 Uhr
oder nach Vereinbarung

Die KünstlerInnen sind an der Eröffnung und an der Finissage anwesend.

 

Die dritte Ausgabe der «DRAWING»-Serie im LOKAL 14 bringt drei künstlerische Positionen zusammen,
welche die Zeichnung seit vielen Jahren als wichtiges oder, wie bei Doris von Stokar, alleiniges Medium nutzen. Alle drei arbeiten häufig seriell und sind hier mit kompletten Werkgruppen vertreten.

«In between» – Zwischen vergehen und entstehen
Längst nicht mehr Tag, aber noch nicht vollständig Nacht ist es in den Bildern von Doris von Stokar, denen wir begegnen, wenn wir das Lokal betreten. «In between» – nennt sie die Künstlerin folgerichtig. In zarte Pastelltöne getaucht, treten Motive schemenhaft aus gedämpftem Grau. Man erkennt Florales: Samenstände, Blüten oder Blätter, die auf dem Wasser schwimmen. Anderes ist abstrakt oder frei assoziativ, wie überhaupt viel Raum bleibt für unsere eigenen Vorstellungen in diesen Bildern. Selten treten Tiere auf. Hier sind es eine Katze und eine Eule. Unscharf aber eindringlich sind ihre Blicke, die uns zu sagen scheinen: Viel mehr als ihr sehen wir in diesen Welten.

Die Unschärfe in der Kunst von Doris von Stokar hat mit der Technik zu tun, die sie entwickelt hat. Frei und noch ohne Intention wird das Papier in einem ersten Schritt mit Aquarellfaben monochrom vorbereitet. Anschliessend verreibt sie in einem aufwändigen Prozess Grafitstangen zu Pulver und reibt dieses auf die Blätter, bis diese vollständig bedeckt sind. Erst jetzt beginnt die gestalterische Arbeit. Mit Knetgummi ertastet die Künstlerin aus dem Dunst ihre Motive. Dabei lässt sie sich von Stimmungen treiben oder kürzlich Gesehenem. Auch die Farbe, die nun wieder ans Licht drängt, beeinflusst das Arbeiten. Die Zeichnungen entstehen also subtraktiv, durch Wegnahme von Material. Scharfe Umrisse können nicht erzeugt werden.

Es ist ein Wispern und Zittern in diesen Bildern. Flüchtig tauchen sie auf aus dem Dunkeln und werden schon im nächsten Augenblick von der Nacht verschluckt.

«Fadepad»
In der Nische zum Kabinett werden wir von Titus Eichenberger eingeladen, unsere Zeichnungen gleich selber zu erstellen. Dafür hat er eine Web-Applikation entwickelt, die sich «Fadepad» nennt. Sie erinnert an die magischen Zeichenbretter unserer Kindheit, auf welchen man mit einem Griffel zeichnen und mit einem versteckten Schieber alles sogleich wieder löschen konnte. Diese Arbeit nimmt uns hier das Programm ab, löst sich die Linie doch nach einer bestimmten Zeit von selbst auf. Wir sind versucht, dieser Zerstörung ein Schnippchen zu schlagen, indem wir schneller zeichnen. Je schneller wir aber sind, desto schneller verschwindet auch die Linie und beraubt uns der Möglichkeit, ein vielleicht gelungenes Bild zu speichern.

Im Kabinett erkunden wir den künstlerischen Kosmos von Titus Eichenberger, der sich, wie das «Fadepade»-Intro spielerisch suggeriert, aus Linien aufbaut. In der ersten Serie von Blättern sehen wir, wie sich eine klare geometrische Ordnung mehr und mehr auflöst. Die Linien beginnen zu vibrieren und tanzen, magnetisch angezogen von der darunter inneren Struktur, der allen Werken des Künstlers zugrunde liegt.

So eingeführt lesen wir die folgenden Blätter. Assoziationen stellen sich schnell ein: Landschaften, figurative oder architektonische Elemente kristallisieren sich aus dem vermeintlichen Gewirr. Einmal entdeckt, manifestieren sich inneren Bilder immer stärker, um sich beim Betrachten des nächsten Blattes wieder aufzulösen. Der Künstler spielt mit unserer Wahrnehmung und lässt unser Hirn zum Fadepad werden.

«Mysterious»
Schönheit und Irritation treiben wunderliche Blüten im Werk von Denise Kobler. Im Durchgang zum Untergeschoss treffen wir auf zwei kleinere Arbeiten von betörender Anmut und Farbigkeit. Man meint den Duft der «flowerbirds» zu riechen, aber schon in «after Marlene Dumas» hat die Künstlerin Stolperdrähte gespannt. Sind das Blüten, die sanft über dem schlafenden Gesicht schweben oder Insekten, die das bereits tote Antlitz umkreisen? Man kann das als Vorspann sehen auf die Arbeiten, die nun folgen.

«Molecular genes» deutet an, dass sich hier möglicherweise etwas unkontrolliert ausbreitet. «Mysterious», wie in der freudianischen Landschaft das abgestürzte Flugzeug phallisch in einer Bergwelt von aggressiv zugespitzten Brüsten steckt. Irritierend, die Gorilla Hand, die sich ungebührlich «fukushima girl» nähert und was haben wir in «hands up» von der schwarz gekleideten Guerilla-kämpferin zu befürchten, die sich hinter der Monstera Deliciosa versteckt und uns eindringlich fixiert? Dazwischen schweben symbiotisch verwoben «only these virgins» und die «twin swans» schwimmen in unbeschwerter Harmonie vereint ihrem roten Glück entgegen.

Schön ist das alles anzusehen, lässt einem aber voller Fragen zurück, möchte uns mit verschrecktem Blick einer der «dummies» vis-à-vis vielleicht sagen. Sprechen gehört aber nicht zu seinen Aufgaben und so hat man ihm den Mund zugenäht. Seine beiden Kollegen haben sich schon abgewandt.

Leicht und souverän erzählt uns Denise Kobler ihre spannungsvollen Geschichten.
 
Michael Nitsch, März 2017