SUSANNE HOFER
SEBASTIAN SIEBER

Ā«blinkernĀ», 12. Mai bis 10. Juni 2017

Eröffnung Freitag, 12. Mai 2017, 17.00–20.00 Uhr
Finissage Samstag, 10. Juni 2017, 13.00–16.00 Uhr

Öffnungszeiten während der Ausstellung

Mo / Di / Do
Sa
14.00–18.00 Uhr
13.00–16.00 Uhr
oder nach Vereinbarung

Die Künstlerin und der Künstler sind an der Eröffnung und an der Finissage anwesend.

Am Samstag, 27. Mai, 13–19 Uhr sind Susanne Hofer und Sebastian Sieber anwesend.
Die Ausstellung ist an Auffahrt und Pfingsmontag geschlossen.

 

Farben zum Leuchten bringen
Was uns begegnet, wenn wir das Lokal betreten, sieht aus, als hätte ein gestalterischer Urknall Bildsegmente an die Wände geschleudert. Bis in die Ecken und Winkel des Raumes haben sie sich festgesetzt. Nach und nach entdeckten wir sie auch an unüblichen Orten. Wie tektonische Platten eines auseinander driftenden optischen Pangäas scheinen sie sich wechselweise anzuziehen und abzustossen. Jedes steht für sich und ist doch Teil des ursprünglichen Ganzen. Der künstlerische Kosmos von Sebastian Sieber ist in Ausstellungssituationen kaum zu bändigen.

Von traditionellen Tafelbildern ist man sich auch anderes gewohnt. Rechteckig haben sie zu sein, mit geraden Kanten. Meist sind sie begrenzt durch einen Rahmen oder hinter Glas gesetzt, domestiziert und wohnzimmertauglich gemacht. Das Auge soll Halt finden und sucht einen ruhenden Pol. Solches bietet uns Sebastian Sieber nicht an. Wohl nähern sich einige Tafeln dem Rechteck an, haben aber immer leichte Abweichungen. Andere sind frei in der Form. Kaum eine gerade Kante leitet das Auge. Auch die hochglänzenden, mit einer Ausnahme schwarzen oder weissen Malgründe bieten kaum Abhilfe und lassen es über die gerundeten Kanten abgleiten. Halt bieten nur die Farben – und um die geht es –, die machmal streng begrenzt, oft aber in freien Pinselstrichen auf die Tafeln gesetzt sind. Ihre Leuchtkraft ist frappierend, nicht nur auf den weissen, ebenso und mindestens so stark auf den schwarzen Tafeln. Müssten sie nicht vom dunklen Grund absorbiert oder zumindest stumpf gemacht werden?

Mit solchen Fragen bewegen wir uns durch die Ausstellung und versuchen dem eigenen Spiegelbild auszuweichen, das sich in den Tafeln reflektiert und das wir als Störfaktor empfinden. Ein aussichtsloses Unterfangen und vom Künstler auch nicht intendiert, denn es lässt uns zum Teil seiner Galaxien werden (galaktisches taucht in immerhin fünf Bildtiteln auf). Motivisch ist nichts Eindeutiges festmachen und so lässt man sich gerne von den assoziativen Titeln durch den Raum leiten, die einiges preisgeben und noch mehr offen lassen.

Die Malerei sei tot und bringe kaum Neues mehr hervor, orakeln Kunstkritiker immer wieder. Widerlegt werden solche Behauptungen von Künstlern wie Sebastian Sieber, die es auch heute noch schaffen, eigenständige Bildsprachen zu entwickeln und starke Positionen im aktuellen Kunstgeschehen besetzen.

Innehalten
Ruhig geht es in «ship steady» weiter, der ersten Arbeit von Susanne Hofer im Durchgang zum Kabinett. Nur das Meer bewegt sich leicht in der gefilmten Skyline, bis sich von rechts ein Segelschiff langsam ins Bild schiebt. Weit kommt es nicht. Einmal ganz sichtbar, bleibt es am rechten Rand hängen und von links zieht sich ein schwarzer Vorhang zu, bis nichts mehr zu sehen ist vom Geschehen und sich die Szene in einem Loop repetiert. Eine feine theatralische Geste und vielleicht eine lakonische Metapher für Leerläufe und Stillstände in unserer Zeit.

Im Kabinett zeigt die Künstlerin erstmals Fotografien aus der Serie «stages», die auf ihren zahlreichen Reisen und Auslandaufenthalten entstanden. In ihnen thematisiert sie Situationen, in denen Handlungen sichtbar sind, die entweder schon passiert sind oder noch passieren könnten. Einige erzählen Geschichten von Orten, an denen das Leben harte Spuren hinterlassen hat. Von der frivolen Verheissung der grössten Diskothek Rügens («In ist, wer drin ist») ist nicht viel mehr als ein Anhänger übrig geblieben, abgestellt im Nirgendwo. Halb abgerissene Tapeten warten auf ihre vollständige Entfernung. Ein von anhaltendem Wind arg gebeutelter Baum wendet sich müde vom Haus ab, aus dem sich das Leben verabschiedet zu haben scheint.

Weiter geht es aber so oder so, das Leben – denn ein «blinkern» empfängt uns im Abgang zum Untergeschoss. Zittrig umflackert eine Motte die Glühbirne. Illusionen sind beide; die Birne glüht nicht und eine Motte ist nicht auszumachen. Die Sequenz ist eine Projektion und findet als Schattenspiel, einem Stummfilm gleich, an der Wand statt.

Ein paar Schritte weiter unter der Treppe leuchtet «Eck-Stück Nr. 7». Es überdeckt die Ecke, in die es montiert ist und erhellt nun einen Ort, der sonst wenig Beachtung findet.

Das Untergeschoss schliesslich ist in das irritierend dämmrige Licht von «Langer Tag» getaucht, das nur vermeintlich durch drei Lamellenstoren dringt, denn auch das schwache Zwielicht dieser Fenster ist nichts als eine weitere Projektion. Genauso wie die «Beautiful People» der Abglanz einer Welt des schönen Scheins sind, die sich schimmernd in einer Wasserpfütze spiegeln.

Susanne Hofer findet ihre Motive überall und inszeniert sie an den ungewöhnlichsten Orten. Wenig und doch unendlich viel passiert in ihren Arbeiten. Sie fordern zum Innehalten und genauen Hinschauen auf. Schnelles Vorbeischreiten ist nicht gestattet!

Michael Nitsch, Mai 2017