ALDO MOZZINI

«CAPRICHOS», in Kollaboration mit piär Amrein, Sabrina D’Agostino, Patrick Gosatti und Conrad Meier

Eröffnung

Freitag, 11. November 2016, 17.00–20.00 Uhr
Performance: Sabrina D’Agostino
Buchvernissage: «CAPRICHOS» von Aldo Mozzini

Finissage Freitag, 9. Dezember 2016, 17.00–20.00 Uhr

Öffnungszeiten während der Ausstellung

Di / Mi / Do
Sa

14.00–18.00 Uhr
13.00–16.00 Uhr
oder nach Vereinbarung

 

«Caprichos» (frei übersetzt aus dem Spanischen mit «Laune», «Witz» oder «Marotte») ist der Titel dieser Intervention und gibt die Richtung vor. Witz und Ironie sind wichtige Komponenten in der Arbeit von Aldo Mozzini. Der offensichtliche Bezug zu Goyas berühmter Radierungsserie lässt aber erahnen, dass hier, versteckt, auch Abgründiges mit im Spiel ist.

Vernissage
Kaum haben wir das Lokal betreten, stehen wir auch schon mitten drin in der Kunst von Aldo Mozzini. Das Mobiliar, das uns begegnet, scheint in auffälliger Flüchtigkeit zusammengezimmert aus
Holzstücken, die vermutlich zur Entsorgung bestimmt gewesen wären und denen wenige noch Beachtung geschenkt hätten. Die Tische und Hocker verleugnen ihre Funktionalität nicht, auch wenn wir uns etwas vorsichtig auf sie setzen und uns nicht zu stark auf die Tische abstützen. Tatsächlich sind sie, wie auch die Teller, auf denen der Apéro serviert wird und wie die Wandobjekte, die hier als Regale für die Weinflaschen fungieren, eben nicht nur Kunstwerke, sondern auch Requisiten der Vernissage-Inszenierung, die gerade stattfindet.
Der Künstler hintertreibt festgefügte Vorstellungen von ehrfurchtsvoller Betrachtung von Kunstwerken aus gebührender Distanz, indem er uns in die Situation versetzt, unvermittelt mitten drin zu sein in seiner Kunst. Auch der Teppich, auf dem wir gerade stehen gehört dazu und ist ein wichtiger Bestandteil der Instal­lation. Haben wir sie nun mit Füssen getreten, die Kunst von Mozzini oder dürfen wir uns wohlfühlen in ihr, dann das tut man ganz offensichtlich? Fragen, die ihn sicher amüsieren würden, sind es doch genau solche Irritationen, auf die er abzielt.
Diese leichtfüssige und etwas frivole Persiflage auf eine Vernissage wird hinterfragt von kurzen Texten, die auf die Weinflaschen und Teller applizierte sind und uns Fragen zur Kunst im Allgemeinen und Vernissagen im Speziellen hintersinnig zurückspielen. Zu gemütlich soll es nicht werden. Ausgedacht hat sich die Texte Patrick Gosatti, einer von vier Kollaborateuren, die Aldo Mozzini eingeladen hat, auf seine Arbeit zu reagieren. Sabrina D’Agostino wird, als weitere Akteurin, das Geschehen während des Anlasses performativ reflektieren.

Über-Druck
Etwas weiter im Raum liegt ein grosses Buch. «Über-Druck» ist es betitelt. Seit Jahren arbeiten Mozzini und piär Amrein (der dritte Kollaborateur) unabhängig voneinander an Siebdrucken. Ist eine Arbeit fertig, werden jeweils drei Abzüge auf die Seite gelegt. Nach Lust und Laune bedienen sie sich aus diesem Fundus und reagieren auf die Arbeit des anderen, indem sie diese überdrucken. Text ist auch hier ein wichtiges Element und befeuert oft den Dialog. Das Buch existiert in einer Auflage von drei Exemplaren, jedes ein Unikat.

Selbstbespiegelungen
Über die ganze Ausstellung verteilt treffen wir auf fragmentarische Selbstbespiegelungen des Künstlers. Das kann ein Handrücken oder die Handinnenfläche sein, die, in Bronze gegossen wie zarte Bäumchen im Schaufenster stehen. Oder drei Daumen, die etwas unangenehm aus der Wand ragen. Im Bewusstsein, immer etwas zuviel Bronze abzuschmelzen, hat sich der Künstler überlegt, wie diese gelagert werden könnte. Ganz einfach: den Daumen in die Sandform gedrückt, ausgegossen und fertig  ist «1 Mozzini» im Gegenwert von 350 Franken, wie der Künstler scherzhaft das Produkt nennt, ohne anzunehmen, dass sich diese Parallelwährung durchsetzen wird. Immerhin eigenen sich die «Mozzinis» auch als Wandhaken für Handtücher, die ihrerseits Träger von Sujets sind. Alles spielt zusammen und ergibt ein Neues.
Etwas detailliertere Abbilder lässt der Künstler gerne andere ausführen. So die drei Portraits, die von
StrassenkünstlerInnen in Paris gefertigt wurden und nun in Gold gerahmt, wohnzimmertauglich über dem Sofa hängen. Oder die kleine Figur «Aldo», die etwas verloren vor dem vierten Wandobjekt steht, das einmal seine Behausung gewesen sein könnte. Die Figur wurde beim Vater von Oppy De Bernardo in Auftrag gegeben für die gemeinsame Ausstellung letzten Jahres im Vebikus, Schaffhausen und war Teil eines Schachspiels.

Das Kabinett
Das Kabinett finden wir, den Raum in seinen ganzen Dimensionen nutzend, intensiv behängt vor. Es ist für Druckgrafiken (Radierungen und Serigrafien) reserviert, die über die Jahre entstanden. Persönliches spielt hier stark mit, so in einer Serie von Familienportraits. Aber auch Lapidares hat seinen Platz, wie die Wischlappen, die, nach einem Radier-Abendkurs stark mit Farbe getränkt, nicht einfach fortgeworfen werden, sondern mit der gleichen Sorgfalt, wie vorher die Druckplatten, einmal abgezogen werden und so eine eigene Würde erhalten. Alles hat einen Wert und ungewertet hängt alles nah beisammen.
Hoch, beinahe an der Decke, fünf Tafeln mit Inschriften, wie in Stein gemeisselt. Die Texte wirken verwittert und sind kaum zu entziffern. «LIFROCC», «PACIÜGON», «IMBESUID», «BON DA NAGOTT», «SKENA DA VEDRO» steht da geschrieben. Frei übersetzt aus dem tessiner Dialekt: Gauner, Schmierer, Penner, Taugenichts, fauler Sack. Bezeichnungen, die der Bub von seinem Vater zu hören bekommen hat. Rücken aus Glas heisst «Skena da vedro» wörtlich. Und hier, in Anbetracht des stark skoliotisch ver­krümmten Rücken des Künstlers (noch ein Selbstbildnis), den wir geröntgt vis-à-vis sehen, erhält die Ironie eine bittere Note. Gebannt und vergeben mögen diese Kränkungen sein, vergessen sind sie nicht.
Inszeniert hat das Kabinett Conrad Meier, der vierte Mitspieler dieser Ausstellung, der Aldo Mozzini kennt, wie wenige und so Ordnung in die Vielfalt bringen konnte.

Im Wald
Im Untergeschoss ein Wald. Seine Blätter hat er längst verloren. Übrig geblieben sind kahle Äste, aggressiv und gefährlich angespitzt. Was aussieht wie ein grosser Vollmond ist das rechte Auge des Künstlers in einer Video­aufnahme. Ein Kontrastmittel macht das Fliessen des Blutes und mögliche Deformationen sichtbar. Die beiden ins Bild ragende Spitzen verweisen auf die Verletzlichkeit dieses Organs.
Kühl empfängt uns dieser Raum nach der Wärme im oberen Stock und das nicht nur wegen der Temperatur. Wo soll man sich hinstellen? Länger an einem Ort verweilen mag man nicht. Ein starker aber auch abrupter Abschluss.

Das Buch «Caprichos»
Die Ausstellung wird begleitet von einem Buch, das denselben Titel trägt wie die Ausstellung und zu diesem Anlass erscheint. Es enthält 64 Zeichnungen mit der Aufforderung, diese nach belieben auszumalen oder zu ergänzen um so Mozzinis partizipatives Konzept über die Ausstellung hinaus weiterzutragen.

Michael Nitsch, November 2016